Fünf Jahre nach Utøya

Es war der 22. Juli 2011, als Anders Behring Breivik in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen tötete. Die Anklage gegen Breivik lautete auf „Terrorismus“ und mehrfachen vorsätzlichen Mord. Für die norwegische Staatsanwaltschaft schien es keinen Zweifel zu geben,  ob es sich hier um einen Akt des Terrors oder einen Amoklauf gehandelt hat. In den Medien jedoch wird immer wieder die Frage nach dem Unterschied zwischen Terror und Amoklauf diskutiert.

Terror wird  – anders als ein Amoklauf – als Akt der politischen Kommunikation mit politisch-ideologischer Motivation durch Gewaltanwendung gegen Zivilisten definiert. Darüber scheint in den Medien ein gewisser Konsens zu bestehen. Aber inwiefern ist eine solche Unterscheidung überhaupt sinnvoll, welche Rolle spielt sie für eine Berichterstattung?

Terror kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Schrecken“, amok – da muss ich mich auf die einschlägig Sprachkundigen verlassen – aus dem Malaiischen und heißt so viel wie „zornig“, „rasend.“

Terror bezieht sich also auf die Wirkung, Amok auf den Beweggrund bzw. die Triebfeder einer Tat. Jede Gewalttat hat eine Ursache und eine Wirkung, insofern erübrigt sich die Frage nach einem grundsätzlichen Unterschied zwischen Terror und Amoklauf. Es ist gleichgültig, ob ein Anders Breivik seine Tat gegen den Islam richtet und dabei 77 Menschen, der Islamist Mohamed Bouhlel im Namen Allahs 84 Menschen tötet oder ob ein Schüler ein Dutzend seiner Mitschüler über den Haufen schießt. Die Wirkung ist unterschiedslos verheerend, und der Beweggrund taugt in keinem Fall zu einer Rechtfertigung der Tat. Es ist auch belanglos, wie viele Menschen dabei ihr Leben gelassen haben.

Taten wie diese haben vor allem eines gemein: sie zeigen die dunkle Seite des Menschen, gleichgültig in wessen Namen oder für welche Ideale sie begangen werden und wurden, es ist gleichgültig, ob im Namen Allahs oder im Zeichen des Kreuzes getötet wird und wurde oder aus purem Frust – es sind Taten, in gleicher Weise verabscheuungswürdig.

Vielleicht könnte man sich in der medialen Umgangssprache auf  neutrale, althergebrachte Begriffe einigen wie „Attentat“ oder, sofern Blut geflossen ist, „Massaker“, was aus dem altfranzösischen maçacre kommt und so viel wie „Schlachthaus“ bedeutet. Für eine Berichterstattung oder eine Diskussion würde das genügen.

Das wär’s für heute.

Susanne Luecke

3 thoughts on “Fünf Jahre nach Utøya

  1. Ich bin hier anderer Meinung und denke schon, dass es richtig ist, zwischen Terroranschlag und Amoklauf zu unterscheiden. Der Amokläufer ist fast immer ein geistig gestörter Einzeltäter, der sich in aller Zurückgezogenheit in seine Tat hineinsteigert (oder innerlich hineingezogen wird). Es ist tragisch, aber sehr viel kann die Gesellschaft hier vorbeugend nicht tun. Strengere Waffengesetze oder ein wachsamer Blick auf auffälliges Verhalten mögen manchmal helfen, aber ein Patentrezept für die Vorbeugung wird es nie geben.
    Beim Terroranschlag dagegen geht die Gewalt über die direkt betroffenen Opfer hinaus und soll bestimmte Ziele durchsetzen. Hinter dem Terror steht eine Ideologie, die den angegriffenen Gruppen entgegensteht. „Die Anderen“ werden als Feinde definiert, gegen die man sich mit Gewalt wehren muss. Zum Terrorismus gehört immer ein ganzes Netzwerk von Ideologen, Hassrednern und Sympathisanten, die den potenziellen Terroristen indoktrinieren.

    1. In allem: d’accord! Mein Vorschlag, einen neutraleren Begriff zu wählen, galt der ersten Berichterstattung. Es wird ja immer wieder mal vorschnell von „Terroranschlag“ geredet. – Was die Vorbeugung anbelangt, bin auch ich skeptisch. Jedenfalls sollten unsere Politiker nicht mehr Polizeischutz, sondern mehr Zuwendung an Kinder und Jugendliche versprechen, statt genau dort zu sparen. Wieviele Attentate hat die martialische Polizeipräsenz in Israel verhindert? Sie hat auf jeden Fall zu einer Situation der Angst, der Beklemmung, Verunsicherung und vermehrten psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung geführt (lt. Beitrag heute in Bayern 2!).

    2. Zu Bader-Meinhof-Zeiten gabs einen geflügelten Witz.
      Der Unterschied Terroristen zu Beamten:
      Terroristen haben Sympatisanten.
      Mag jetzt geschmacklos klingen:
      Aber die Terroristen der alten Schule waren nicht darauf aus Unschuldige zu töten (aber sehr wohl als Kollaterialschaden hingenommen),
      sondern gezielt die Mächtigen.
      Das heutzutage trifft ausnahmslos Wehrlose.
      Da sind die PKK-Terroristen wohl noch der alten Schule zuzuweisen.
      Lange Rede kurzer Sinn:
      Ich halte eine behrifflich neue Differenzierung für diese Breivikx und IS-Leute durchaus für angebracht:
      Massaker-Terrorismus.
      Mit gezielten Attentaten hat dies wenig zu tun.
      Ein Attentäter könnte ja auch durchaus ehrenwehrt sein.

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