Alle Beiträge von Susanne Lücke

Das vermissen wir im Wahlkampf

Wenn Politiker dem Parlament oder dem Volk etwas mitteilen wollen, bedienen sie sich einer Sprache, die aus Wörtern besteht. Normalerweise transportieren sie ihre Botschaft also, indem sie reden. Wenn sie sich einmal gesanglich äußern, wie etwa der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel (seine Wahl war auf das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ gefallen, sicher wegen der gelben Farbe; Scheel war auch mal Vorsitzender der FDP) oder Andrea Nales mit dem Pippi-Langstrumpf-Titellied, sind wir befremdet oder gar peinlich berührt, vor allem dann, wenn die Töne wie bei letzterer nicht ganz der korrekten Frequenz entsprechen.
Das war nicht immer so. Im alten Griechenland, der Wiege unserer Zivilisation, war es nicht ungewöhnlich, dass Gesandte ihre Botschaft singend und gar tanzend überbrachten, wie der griechische Althistoriker Angelos Chaniotis in seinem Aufsatz „Als die Diplomaten noch tanzten und sangen“ in der Zeitschrift Heidelberger Althistorische Beiträge und Epigraphische Studien, Bd. 24, darlegt. Zuständig für Tanz und Gesang waren keine Geringeren als die Musen, und sie waren es, die die entsprechenden Fähigkeiten beherrschten und vermittelten. Körper- und Stimmbewegung kamen sozusagen von der höchsten Instanz.
Noch im 17. Jahrhundert empfand man es offenbar nicht verwunderlich, wenn ein Ludwig XIV. von Frankreich 1653, kaum vierzehn Jahe alt, als aufgehende Sonne verkleidet, sein Publikum im „Ballet Royal de la Nuit“ erfreute, was ihm der Legende nach das Epitheton „Roi-Soleil (“Sonnenkönig“) eintrug: die Arme zierlich abgespreizt, Haupt und Schultern von Strahlen umgeben, ebenfalls strahlend der Gürtel, die Schuhschnallen und Strumpfbänder, wie ihn eine zeitgenössische Darstellung präsentiert. (Das Libretto stammt übrigens von Isaac de Benserade.)
Im aktuellen Wahlkampf erwarten wir von den Kandidaten also Vergleichbares. Annalena Baerbock als (sagen wir) Diana, Armin Laschet als munterer Merkur, Olaf Scholz als … Ich bitte um Vorschläge!

Das wärs für heute.
Susanne Lücke

Die Burg lässt schön grüßen.

Kultursendungen haben ihren eigenen sprachlichen Charakter und sind deshalb, abgesehen von der Thematik, leicht zu erkennen. Da lässt die Natur ihre Muskeln spielen, da wartet ein Steak ungeduldig darauf, scharf angebraten zu werden, stolze acht Eier gehören in einen Teig, Buchteln nehmen in einer Form Platz, Burgen grüßen, je nach Standort des Betrachters, herunter oder herüber. Ob sie winken und guten Tag oder grüß Gott sagen, ist vermutlich von Burg zu Burg verschieden.

Für die, die solche Texte zu Gehör bringen, stellen sich andere Herausforderungen, die geeignet sind, deren Kompetenz, je nach dem, zu untermauern oder in Frage zu stellen. Dass ein professioneller Sprecher eine geschulte, möglichst wohlklingende Stimme hat, sei vorausgesetzt. Aber es ist nicht von Nachteil, wenn er obendrein über eine gute Allgemeinbildung verfügt. Nun gehört z.B. Latein nicht gerade zur Allgemeinbildung, schließlich ist es nicht in jeder Schule Pflichtfach. Es macht sich allerdings recht gut, wenn ein Sprecher sich vorher entsprechend informiert. Es dient jedenfalls seiner Glaubwürdigkeit, wenn er salutant nicht auf der letzten, sondern auf der zweiten Silbe betont, und ein bestimmter römischer Kaiser heißt nun mal nicht Septimius Séverus, sondern Septimius Sevérus. Auch empfiehlt es sich, sich einmal zu vergewissern, ob es wirklich in corporo sano (statt in corpore sano) heißt. Es ist heute ein Leichtes, sich kundig zu machen, wenn man keine entspechende Vorbildung besitzt. Freilich machen es uns einige Sprachen nicht leicht, etwa das Russische. Ephraim Kishon gestand einmal, er habe mehrmals einen Anlauf genommen, ein Werk der russischen Weltliteratur zu lesen, und es schließlich aufgegeben, weil er sich die vielen komplizierten Namen nicht merken konnte. Es könnte Dr. Schiwago gewesen sein, Pasternaks Roman von über 700 Seiten, dessen komplexe Erzählung von Hunderten von Protagonisten getragen wird.
Dagegen erscheint das Tschechische einfach, wenigstens wenn es um die Betonung geht, denn alle Wörter werden grundsätzlich auf der ersten Silbe betont. Der tschechische Ministerpräsident heißt deshalb eben nicht (gesprochen) Babíesch, sondern Bábisch (geschrieben Babiš).
Ob es sich bei dem italienischen Bildhauer Gian Lorenzi Bernini um einen bloßen Versprecher im Vorgriff auf das End-I in Bernini handelt oder schon so im Manuskript steht, sei dahingestellt. Man ist geneigt, letzteres auszuschließen. Dem Autor dürfte der berühmte Barockbildhauer Gian Lorenzo Bernini ein Begriff gewesen sein.

Das wär’s für heute.
Susanne Luecke

Im Zeichen christlicher Nächstenliebe

Jahrhunderte lang konnten katholische Geistliche in einem quasi rechtsfreien Raum ihre Verbrechen an Minderjährigen begehen, ohne zur Verantwortung gezogen zu werden. Einzelne Fälle, die vor Gericht landeten, wurden eben als Einzelfälle abgetan. Erst nach der Publikation eigener Erfahrungen eines ehemaligen Zöglings des Berliner Canisius-Kollegs wurden lawinenartig mehr und mehr einschlägige Fälle bekannt und sorgten für viel Im Zeichen christlicher Nächstenliebe weiterlesen

Feigenblatt Corona

Das alles beherrschende Thema im Fernsehen in den Nachrichten zur besten Sendezeit: 60 Minuten und mehr Corona und alles, was irgendwie mit diesem Themenkreis zusammenhängt. Corona-Krise. Corona-Fallzahlen. Inzidenzwert. Corona-Impfstoff-Desaster. Impfstoffknappheit. Corona-Neuinfektionen. Corona-Tote. Und, was zu erwarten war: Corona-Pandemie als Wort des Jahres 2020.
Und sonst? Die Programmgestalter des Fernsehens Feigenblatt Corona weiterlesen

Probleme mit dem zweigestrichenen g?

Probleme mit dem zweigestrichenen g?

2011 wurde das wohl bekannteste Weihnachtslied von der Unesco in die Liste immateriellen Kulturerbes aufgenommen: „Stille Nacht, heilige Nacht…“. 1818 zum ersten Mal vom Dichter und vom Komponisten im kleinen Ort Oberndorf bei Salzburg zu Gehör gebracht, hat es – inzwischen übersetzt in 320 Sprachen und Dialekte – einen phänomenalen globalen Siegeszug angetreten. Das hatten sich der Dorfschullehrer und Organist Franz Xaver Gruber, Sohn armer Leineweber, der sich die Melodie hat einfallen lassen, und der Hilfspfarrer Josef Mohr, der die Verse verfasst hatte, nicht träumen lassen.
Man sagt der geistlichen Musik jener Zeit rühmend nach, sich vom römischen Ritus der Chormusik lateinischer Sprache nach Vorgabe der katholischen Kirche zu lösen und sich mehr den Anliegen der gläubigen Gemeinde zuzuwenden. Das hört sich zum Beispiel an wie in Schuberts Deutscher Messe, „zum Eingang“: „Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken?“, anstelle von lateinischen Psalmentexten des althergebrachten Introitus.
Bemerkenswert, dass dem Gemeindegesang überhaupt eine so tragende Rolle zugewiesen wurde (bis ins 20. Jahrhundert war er allenfalls eine Randerscheinung der Liturgie), aber was da häufig an Stimmumfang vorausgesetzt wird, übersteigt die Leistungsfähigkeit so manchen Stimmbands eines Menschen, dem nicht mindestens eine Duodezime zur Verfügung steht, der keine entsprechende Ausbildung genossen hat oder auch nur, weil ihm die Natur nicht so kurze Stimmbänder gemacht hat, dass sie das zweigestrichene g im Gloria der Deutschen Messe mühelos erreichen.
Insofern ist für mich auch die Beliebtheit von „Stille Nacht, heilige Nacht“ nur bedingt nachvollziehbar, gibt sich die ins Ohr gehende Melodie, die bei vielen Gemeindemitgliedern in der Höhe etwas gequält aus der Kehle will, doch recht fordernd. Das zweigestrichene fis muss man halt erst mal sauber hinkriegen.

Das wärs für heute – mit guten Wünschen für entspannte Feiertage!
Susanne Luecke

Home office, Verwilderung inbegriffen

Nach monatelanger Übung im home officing zeigen sich alle zufrieden. Es tut der Produktivität keineswegs Abbruch, vielleicht sogar im Gegenteil, da man sich ganz auf die Arbeit konzentrieren kann, durch keine mitteilungsbedürftigen Kollegen gestört wird und vor allem indem man zwangsläufig die mehr oder weniger zeitraubende Fahrt zu seinem gewohnten Arbeitsplatz, also nutzlos vertane Zeit, vermeidet. Home office, Verwilderung inbegriffen weiterlesen