Wer bestimmt, ob wir „gesund“ oder „krank“ sind? Gedanken zum Welt-Adipositas-Tag

Kein Tag vergeht, ohne dass er zu einem deutschen, europäischen oder weltweiten Gedenk- oder Aktionstag erklärt wurde, und es herrscht geradezu ein ausuferndes Gedenken an irgend etwas hat das Leben doch unzählige Themen im Angebot. So gibt bzw. gab es den Welt-Händewasch-Tag, einen Stell-dich-deinen-Ängsten-Tag, einen Welthundetag, einen Thrombose-und-Hämostaseologie-Tag, einen Nimm-Deinen Teddybär-mit-zur-Arbeit-Tag, einen Weltnudeltag und so weiter und so weiter. Am 11. Oktober feierten wir gleich zwei in einem: den Tag des Mädchens und den Welt-Adipositas-Tag.

Halten wir uns einmal ein wenig bei letzterem auf. Der Statistik zufolge werden wir immer fetter, und laut einer aktuellen Studie der WHO sind derzeit 124 Millionen Kinder und Jugendliche fettleibig. Es gab einmal Zeiten, da durften Jugendliche in der Pubertät ein paar Kilo „zu viel“ haben, ohne als krank eingestuft zu werden. Waren sie aus der Pubertät heraus, verschwanden auch die überflüssigen Kilo von selber. Daran dürfte sich jedoch nichts geändert haben.

Bei Fettleibigkeit lateinisch Adipositas handelt es sich um eine schwere Stoffwechselstörung, also eine Krankheit. Wer zu fett, also krank ist, bestimmt heute der sogenannte Body-Mass-Index, der inzwischen von der WHO als Standardmesslatte angewandt und quasi diktiert wird.

Dieser Body-Mass-Index (BMI) ist per definitionem „eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße.“

Am Welt-Adipositas-Tag waren wir vermutlich aufgefordert, unseren BMI (das Körpergewicht geteilt durch das Quadrat der Körpergröße) zu ermitteln. 25 gilt als normal, 25 bis 30 als übergewichtig, 30 und mehr als fettleibig. Die Folgen: Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall. Angstgebeutelt unterwerfen wir uns wieder einmal einer strikten Diät, auch wenn die, wie man weiß, meist nichts auf Dauer bringt. Bequeme Zeitgenossen dagegen greifen zu irgendwelchen Tricks, etwa der Einnahme bestimmter Pillen, die dem bösen Fett zu Leibe rücken, bevor es sich in uns anlagern kann, oder vorgefertigten Schlankheitsmenus.  Zu wessen Nutzen?

Seriöse Fachleute kritisieren grundsätzlich die Anwendung des BMI, weil er den individuellen Merkmalen eines Menschen in keiner Weise gerecht werde. Er sei allenfalls ein grober Richtwert. Dass dieser BMI in einigen Bundesländern (z.B. Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg) sogar darüber entscheidet, ob ein durchtrainierter Sportlehrer, an dem alles schieres Muskelfleisch ohne ein Gramm Fett zu viel ist, in den Staatsdienst übernommen wird oder nicht, bezeichnen sie als geradezu absurd.

Wieder einmal Anlass, kritisch zu hinterfragen, was uns da als die absolute Wahrheit (BMI zu hoch = Adipositas) verkauft wird, beziehungsweise, wer das als Urheber zu verantworten hat. Da müssen wir einmal etwas zurückgehen in die Geschichte, eigentlich erstaunlich weit, nämlich bis in das Jahr 1832. Da hat ihn ein belgischer Mathematiker (Adolphe Quetelet) entwickelt, jedoch ohne den Begriff „Body-Mass-Index“ zu gebrauchen. Der stammt erst von dem Ernährungswissenschaftler Ancel Keys, der den BMI allerdings nur für den statistischen Vergleich von ganzen Bevölkerungsgruppen empfahl, nicht für die Beurteilung der Übergewichtigkeit von einzelnen Personen. Seit Anfang der 1980er Jahre gilt jedoch der BMI der Weltgesundheitsorganisation als Maßstab, der darüber entscheidet, ob jemand gesund oder einschlägig krank ist.

Bedenkliches Gewicht bekam der BMI durch seine „Entdeckung“ durch US-amerikanische Lebensversicherer, die diese Formel benutzen, um Menschen mit angeblichem Übergewicht höhere Beiträge abzuknöpfen.

Somit ist die Frage „cui bono?“  wem zu Nutzen? im Grunde beantwortet: Einen Nutzen ziehen die Lebensversicherungen (wer sonst noch?), wenn auch nur (?) in den USA. Aber es wurde auch bei uns bereits erwogen, ob sich die Krankenversicherungen nicht ebenfalls eines solchen Kunstgriffs bedienen und die Beiträge für „Fettleibige“ als „Risikopatienten“ erhöhen sollten. Eine Patientin, die nach dem Aufenthalt in einer Reha-Klinik ihren Krankenbericht etwas genauer durchlas, stellte erstaunt fest, dass sie laut ärztlichem Befund unter Adipositas litt. Sie wiegt auf Grund einer stattlichen Oberweite (für die sie nichts, aber auch gar nichts kann) etwas mehr, als der BMI „erlaubt“. Ob sie demnächst von ihrer Krankenkasse hören wird?

Das wär’s für heute.
Susanne Luecke

 

 

 

Ein Gedanke zu „Wer bestimmt, ob wir „gesund“ oder „krank“ sind? Gedanken zum Welt-Adipositas-Tag

  1. Man könnte diese Fixierung auf den BMI als Spinnerei belächeln, aber wie Du sagst, kann er durchaus ernsthafte Konsequenzen haben, wenn man plötzlich von der Krankenkasse als Risikopatient eingestuft wird.

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