Im Zeichen christlicher Nächstenliebe

Jahrhunderte lang konnten katholische Geistliche in einem quasi rechtsfreien Raum ihre Verbrechen an Minderjährigen begehen, ohne zur Verantwortung gezogen zu werden. Einzelne Fälle, die vor Gericht landeten, wurden eben als Einzelfälle abgetan. Erst nach der Publikation eigener Erfahrungen eines ehemaligen Zöglings des Berliner Canisius-Kollegs wurden lawinenartig mehr und mehr einschlägige Fälle bekannt und sorgten für viel

Aufregung und Empörung bei den Tätern.
Bis heute ist offensichtlich, wie schwer sich die katholische Kirche – unter dem massiven Druck der Öffentlichkeit – mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle tut und wie sehr es ihr in erster Linie um das positive Bild der Institution Kirche geht. Der (2017 verstorbene) Schweizer Pfarrer Hans Buschor, Geschäftsführer des privaten Senders kephas TV (kephas, aramäisch, bedeutet Stein, Fels) hat in seiner von ihm selbst moderierten Sendung schamlos ausgesprochen, was vermutlich viele seiner Glaubensbrüder dachten und möglichrweise immer noch denken: Die eigentlichen Missetäter seien „die Medien, denn die schändeten mit ihren Beiträgen den Leib Christi, die Kirche“.
Derselbe Geistliche verteidigte übrigens noch 2015 in einer Kindersendung die Prügelstrafe mit den Worten „Wenn der Vater den Sohn nicht schlägt, schlägt der Sohn nachher den Vater“, und er forderte Kinder zur Dankbarkeit gegenüber prügelnden Eltern auf.
Daran musste ich denken, als mir neulich die hochbetagte Bewohnerin eines Dorfes in den bayerischen Alpen (nennen wir sie Maria, da sie ihren wirklichen Namen nicht preisgeben möchte) von ihren Erfahrungen in einer katholischen Klosterschule in München erzählte. Sie war sieben Jahre alt, als ihre Mutter starb, 14, als ihr Vater starb. Ihre wesentlich ältere Schwester meinte ihr Bestes zu tun, indem sie die Vollwaise im Internat eines katholischen Frauenordens unterbrachte, der sich vor allem der Erziehung von Mädchen widmet.
Maria hatte sich geirrt. Die betreffende Institution wurde für sie zur Hölle. Das Institut hatte während des Ersten Weltkriegs für ein äußerst positives Image gesorgt, indem es mit einem „repräsentative[n] Neubau mit modernsten Unterrichtsräumen“ protzte. Freilich war damals vielleicht nicht absehbar, was sich in den dreißiger Jahren hinter den perfekt gestalteten Mauern abspielen würde.
Auf das Wohlbefinden der Mädchen, so berichtet Maria, habe niemand Rücksicht genommen. So seien während der allmorgendlichen Messe, der die Schülerinnen nüchtern beizuwohnen hatten, regelmäßig zwei von ihnen in Ohnmacht gefallen, wurden aus der Bank gezerrt und nach draußen verbracht. Maria, die sich damals körperlich immer kraftlos fühlte und unter chronischer Müdigkeit litt (darüber später mehr), betete vergebens, sie möge auch einmal in Ohnmacht fallen. Stattdessen beschwerte sich die damalige Präfektin bei Marias Schwester: Sie (die Präfektin) habe ein „frisches Gebirgskind“ erwartet, aber ein ständig müdes Wesen sei gekommen. Dass das Mädchen damals unter einer Hepatitis litt, deren Folgen sie ein Leben lang begleiten würden, sollte sich erst Jahre später herausstellen. Welchen Grund ihr Zustand haben könnte – dieser Frage war in der Klosterschule niemand nachgegangen.
Eines Tages kam ihre Schwester, um sie zu besuchen, und erhielt von der Präfektin die Antwort: ein Besuch sei gerade nicht möglich, denn Maria sei im Studierzimmer und lerne. Maria gegenüber behauptete sie später: „Deine Schwester war hier, aber sie wollte dich nicht sehen.“
Schließlich forderte sie die Familie auf, Maria abzuholen, denn bei ihr sei „Hopfen und Malz verloren“. Und zum Abschied gab sie dem „missratenen“ Mädchen die Mahnung mit auf den Weg: „Deine Jugend hast du schon verpfuscht, verpfusch dir nicht auch noch dein Leben.“
Maria hat auf einem weltlichen Gymnasium das Abitur gemacht, hat studiert und ist Lehrerin geworden.

Das wär’s für heute.
Susanne Lücke

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