Ketzerische Gedanken zum neuen Jahr

Die an die Flüchtlinge in unserem Land gerichtete Botschaft diverser konservativer Parteien zum neuen Jahr lautet: Ihr habt gefälligst deutsch zu lernen und euch zu unseren Werten, unserer Rechtsordnung und den Regeln eines friedlichen Zusammenlebens zu bekennen – basta, und wer sich diesem Gebot widersetzt, wird bestraft, indem wir  ihm die Mittel kürzen. So steht es in einem Papier der CSU für das traditionelle Treffen in Wildbad Kreuth.

Es ist erstaunlich, wie hartnäckig sich bei uns das Bild von New York als ethnischem Schmelztiegel bis heute gehalten hat. Dabei wussten New York-Kenner wie etwa die langjährige Korrespondentin der FAZ, Sabina Lietzmann, es längst besser (und das kann man nachlesen), nämlich dass diese Metropole alles andere ist als ein „melting pot“, sondern ein Konglomerat von gegeneinander abgegrenzten ethnischen Gemeinden wie Chinatown oder Little Italy. Dasselbe gilt für viele andere Großstädte des nordamerikanischen Kontinents, zum Beispiel für Toronto, die Stadt mit zweieinhalb Millionen Einwohnern in der kanadischen Provinz Ontario. Auch dort gibt es ein Chinatown und Viertel, in denen Portugiesen, Ungarn, Italiener (mit einer halben Million Einwohnern die größte italienische Gemeinde außerhalb Italiens) und andere jeweils unter Landsleuten beieinander leben, die Traditionen ihrer Heimatländer pflegen, ohne staatsfeindliche Pläne zu schmieden oder gar terroristische Anschläge zu planen. Viele der älteren unter ihnen reden kaum ein Wort englisch und sind dennoch loyale Kanadier. (Am Rande: nur die Deutschen scheinen voll „integriert“, will sagen, sie leben über die ganze Stadt verstreut, vermutlich, weil die vielen Migranten, die sich nach dem Krieg aus Deutschland davon und aus der Verantwortung einer braunen Vergangenheit gestohlen hatten, es vermieden, all zu sehr ins Auge zu fallen.)

Und wie steht es bislang bei uns mit der Integration?

Kürzlich hatte ich während eines Klinikaufenthalts eine interessante Begegnung. Eine Mitpatientin erwies sich als des Deutschen so gut wie unkundig, aber so viel verstand ich: Sie lebte seit 50 Jahren in Deutschland, ihr Mann war vor Jahren gestorben, aber ihre Söhne wurden in München geboren, hatten hier studiert und Arbeit gefunden und eine Familie gegründet. Unsere Kommunikation beschränkte sich fortan auf den Austausch eines Lächelns. Doch wie locker war ihre Zunge, wenn sie sich mit einigen jungen Schwestern auf serbisch unterhalten konnte! Erst allmählich fiel mir auf, dass die Muttersprache der meisten Krankenschwestern nicht deutsch war, sondern albanisch, serbisch, kroatisch, montenegrinisch, ukrainisch. Die Putzfrau war übrigens Griechin. Ein Sohn jener Mitpatientin fungierte schließlich als Dolmetscher bei der Weitergabe diverser Kochrezepte und gab brauchbare Tipps, in welchem ethnischen Laden man Zutaten kaufen kann, die kein deutscher Supermarkt führt.

Überflüssig zu betonen, dass Hasspredigten, Blutrache und Ehrenmorde in unserem Land keinen Platz haben, und ebenso überflüssig anzumerken, dass Deutschkenntnisse nicht zuletzt den Flüchtlingen selbst zugute kommen, aber bedarf es wirklich einer Zwangsintegration nach Maßgabe populistisch agierender Politiker und deutscher Bürokratie, zumal dieselben Politiker keine Skrupel haben, selbst gut integrierte Migranten abzuschieben, nachdem sie deren Herkunftsländer flugs für „politisch sicher“ erklärt haben?

Das wär’s für heute.

Susanne Luecke

7 thoughts on “Ketzerische Gedanken zum neuen Jahr

  1. Der Deutsche war, ist und bleibt ein square-head……
    Ignorant gegenueber anderen Kulturen…….
    Immer noch das non-plus-ultra…..

  2. Ich finde nun Little Italy ein eher abschreckendes Beispiel. Es mag heute eine nette Touristengegend sein, zu Beginn des 20 Jhd. war es eine Parallelgesellschaft, in der das Verbrechen blühte. Eben weil die Einwanderer kaum Englisch sprachen, entstand kein Kontakt und kein Vertrauen zu den staatlichen Institutionen, den Behörden, der Polizei. Das nutzten dann die diversen „Paten“, die de facto das Gewaltmonopol im Viertel hatten, mit einer eigenen Rechtsprechung und eigenen Steuern (Schutzgelder). Tausende sizilianische Immigranten fanden sich so genau den Clans ausgeliefert, vor denen sie aus der Heimat geflohen waren.
    Es geht mir nicht darum, dass Zuwanderer „gefälligst Deutsch zu lernen haben“, aber ich bin überzeugt, dass Spracherwerb die Grundlage für eine Teilhabe an der Gesellschaft ist.

    1. Klar, die Mafia ist allgegenwärtig, auch in Toronto, wo wir 25 Jahre gelebt haben. Auch dort gibt es oder eher gab es – vor allem in Chinatown – kriminelle Aktivitäten, im Prinzip funktioniert jedoch die Integration trotz „Ghettobildung“. (Inzwischen verfolgt allerdings auch Kanada eine andere Politik in Sachen Migration.) Dass Sprachkenntnisse letztlich den Migranten selber zum Nutzen sind, versteht sich – falls die Familienmutter nicht damit zufrieden ist, zu Hause auf dem Sofa zu sitzen und zu häkeln (was ja auch eine Fertigkeit ist) oder nur zur Zufriedenheit der ganzen Familie ihre Kochkünste einzusetzen (s. meine Mitpatientin serbischer Zunge!).

      1. Nur so am Rande: Eine serbische Sprache gibts glaub ich gar nicht!
        Auch die Serben sprechen kroatisch!
        Eben Serbokroatisch wie die Kroaten eben.

        1. Nach dreiwöchiger Abwesenheit verspätet, aber doch: es gibt eine serbische Sprache, die allerdings dem Kroatischen verwandt ist (wie auch dem Montenegrinischen etc.). Die Betreffende selber bezeichnete ihre Sprache als „serbisch“.

          1. Erinnert mich irgendwie an den alten Witz:
            Entschuldigung, können Sie mir sagen wo vis-a-vis ist?
            Na, da drüben auf der anderen Strassenseite!
            Komisch, die schicken mich immer hierüber.

  3. Im Gegenteil: Ich bin der Meinung der Deutsche sollte Englisch lernen.
    In jedem Land Europas sollte Englisch als Zweite Staatssprache eingeführt werden.
    Das brächte uns einem Europäischen Nationalstaat näher.
    Genauso sollte es eine neue Doppelstaatsbuergerschaft geben:
    Eine Europäische.
    Zur Deutschen eben.
    Ein zugereister sollte zu Einbürgerung dann nicht mehr die deutsche erhalten, sondern gleich eine europäische.
    Damit bräuchte er seine ursprüngliche auch nicht abgeben.
    Aber davon sind wir leider meilenweit entfernt:
    Wir haben jetzt sogar wieder eine Grenze nach Österreich,
    Obwohl die auch deutsch sprechen.
    Und unsere Werte haben.
    Der CSU gehts mal wieder um anderes:
    Nichts zahlen müssen und wenn, dann sollen dies am besten die Ausländer, Autobahnmaut lässt gruessen.

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