Venedig hat die Nase voll

und das schon seit vielen Jahren, nur dass es bislang keine Möglichkeit gefunden hat, den Strom der Tagestouristen einzuschränken. Ein Problem, das es mit vielen Orten des Weltkulturerbes teilt. Die Stadt am Canal Grande trifft es allerdings besonders hart, so sehr, dass die Unesco bereits gedroht hat, ihr den Titel „Weltkulturerbe“ wieder zu entziehen.

Im Schnitt suchen täglich 70 000 (andere Quellen nennen 100 000) Tagestouristen die Stadt heim und machen den knapp 60 000 Einwohnern im historischen Zentrum das Leben schwer. Allein Kreuzfahrtschiffe mit einigen tausend Reisenden entladen täglich ihre Fracht, die sich dann durch die engen Straßen und Gassen wälzt. Längst haben viele, die die schöne Kulisse mit echtem Leben gefüllt hatten, die Stadt verlassen, längst hat das bodenständige Handwerk aufgegeben; es gibt keine Schuhmacher, Schreiner, Polsterer mehr, die berühmte venezianische Spitzenkunst ist von ostasiatischer Billigware verdrängt worden. Eine in Venedig ansässige Agentin klagte in einem Interview von ZEITonline (18. Juli 2018): Die Qualität in den Geschäften hat generell nachgelassen, … es [ist] schwierig geworden, seitdem chinesische Billigware den Markt überspült. Sie glauben gar nicht, was da alles als Muranoglas verkauft wird!“

Das Dilemma Venedigs: zu viele Bewohner leben hier vom Massentourismus. Doch der Widerstand vieler Venezianer wächst und zeitigt Wirkung. Geplant ist z.B. schon seit Jahren – abseits der historischen Altstadt – ein eigener Hafen für die Ungetüme von Kreuzfahrtschiffen, die obendrein die Luft verpesten und die Fundamente der Gebäude schädigen. Jüngst hat das italienische Umweltschutz-Ministerium die Pläne für ein neues Terminal für Kreuzfahrtschiffe genehmigt, doch es gibt heftigen Widerstand gegen das Projekt.

Durchgangssperren an Tagen mit besonderem Touristenansturm hält Bürgermeister Luigi Brugnaro für hilfreich, sind aber kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Nun sollen die Eintagsfliegen unter den Besuchern (Hotelgäste bleiben verschont) zur Kasse gebeten werden: 3 Euro pro Person, 6 Euro im Jahr 2020 und vielleicht sogar 10 Euro in Zukunft bei besonders großem Ansturm (Quelle: dpa). Ob das viel ändern wird? Wer zwischen rund 600 (7 Nächte Mittelmeer) und 2.249 Euro (12 Nächte Mittelmeer) gezahlt hat, wird diesen läppischen Betrag auch noch aufbringen. Zumindest aber seien diese Einnahmen, so Bürgermeister Brugnaro, ein willkommener Beitrag zu den Kosten der Beseitigung von Gebäudeschäden und Müll, den die Touristen hinterlassen – Gäste übrigens, denen mittels aufgestellter Tafeln ein Minimum an Anstand, will sagen gutem Benehmen nahezubringen ist.

Zur Erinnerung daran, wie es einmal vor gar nicht allzu langer Zeit war: im nächsten Blogbeitrag ein „Porträt“ der Stadt in einer Ausnahmesituation, die mehrmals im Jahr eintritt und somit Normalität bedeutet.

Das wär’s für heute.

Susanne Luecke

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